Die Zukunft von Managed Care 

Wie sieht die integrierte Versorgung bzw. Managed Care in der Zukunft aus? Dieser Frage möchten wir uns zusammen mit Expertinnen und Experten des Managed Care-Ökosystems stellen. Anhand einer Interview-Reihe möchten wir so ein Zukunftsbild der integrierten Versorgung skizzieren.
 
Unser erster Interviewpartner ist Prof. Dr. Volker Amelung, Professor für internationale Gesundheitsforschung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care (BMC) in Deutschland und Verwaltungsratsmitglied der BlueCare AG.
Wie glauben Sie, dass sich Managed Care in der Zukunft inhaltlich entwickeln sollte?

Es braucht definitiv eine stärkere Verbindung von Health and Social Care. Dies fördert auch das Wegkommen vom Verständnis des Gesundheitssystems als Reparaturbetrieb, hin zu einer ganzheitlichen Versorgung. Bedeutet: Managed Care muss eine deutlich stärkere soziale Komponente erhalten. So liegen die Grossbaustellen nicht im Behandeln von Teilproblemen, sondern im Umgang mit hochkomplexen sozialen Situationen. Zudem müssen standardisierte Produkte entwickelt
und die Potenziale von Digitalisierung genutzt werden, um bestehende Prozesse zu optimieren.

Was sagen Sie zur These «Chronic Care Management stiftet hohen Nutzen und muss ein Schwergewichtsthema im Bereich Managed Care in den nächsten 3 bis 4 Jahren sein»?

Chronic Care stiftet definitiv hohen Nutzen und muss auch ein Schwergewichtsthema sein. Damit dieses jedoch wirkungsvoll umgesetzt werden kann, bedarf es zwingend einer Standardisierung und dem Einsatz von Technologien. Eigentlich müsste man jedoch von «Multimorbidity Care» sprechen – denn der Patient mit einer chronischen Erkrankung existiert kaum, Multimorbiditäten sind die Realität.

Prof. Dr. Volker Amelung

Professor für internationale Gesundheits- forschung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care (BMC)
in Deutschland und Verwaltungsratsmitglied
der BlueCare AG

Was halten Sie von der Aussage, es liege grosses Potenzial in einer verstärkten vertikalen Integration, da sich mit ihr die medizinische Wertschöpfungskette optimieren und neue Versorgungsangebote gestalten lassen?

Je spezialisierter die Versorgung wird, desto wichtiger wird die Integration – und zwar die vertikale, denn nur diese macht Sinn. Die horizontale Integration, wie sie in den Schweizer Ärztenetzen vor allem Usus ist, ist nett, aber nicht so viel Wert. Das Ziel der vertikalen Integration muss sein, Schnittstellen zu optimieren und dafür zu sorgen, dass möglichst auf geeigneter Versorgungsstufe versorgt wird. Das bedeutet: Der Hausarzt soll so viel wie möglich selber machen, Spitäler und Spezialisten nur so viel wie nötig.

Was bräuchte es in Ihren Augen, um eine echte vertikale Integration zu erreichen?

Wenn man vertikale Integration im Gesundheitssystemen erreichen will, sollte man als erstes die komplette Ausbildung der Leistungserbringer überdenken. Was es braucht, ist ein Gesundheitscampus, auf dem Mediziner, Apotheker, Gesundheitsökonomen, Pflegekräfte, also alle Health Care Professionals gemeinsam, auf dem Campus ausgebildet
werden, gemeinsame Studentenparties feiern und so Teile eines gemeinsamen Curriculums schaffen. Folglich ist der entscheidende Punkt für Integration die Kultur des Zusammenarbeitens und das Wissen, wo die Kompetenzen des jeweilig anderen liegen.

Was sind die Voraussetzungen, dass Leistungserbringer mitmachen und sich in den Netzen bzw. bei den Managed Care-Prozessen engagieren?

Der entscheidende Punkt ist: Es muss ihnen Spass machen und es muss es ihnen ermöglichen, Medizin so zu betreiben, wie sie Medizin betreiben möchten. Wichtig ist zudem, dass Managed Care keine zusätzliche bürokratische Hürde darstellt.

Wie beurteilen Sie die These «Tools zur Entscheidungsunterstützung, unter anderem im Gebiet der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS), sind die Zukunft»?

Tools sollen in erster Linie dazu beitragen, dass sie Ärzte bei der Arbeit unterstützen und entlasten, in keiner Weise jedoch ersetzen. Da die Komplexität der Informationen im ärztlichen Bereich gross ist, macht es Sinn, mit
Tools Unterstützung zu bieten, da die Maschine per se überlegen ist.

 

In eine ähnliche Richtung verläuft der Einsatz von digitalen Patientenpfaden als Steuerungsinstrumente, um den optimalen Weg eines Patiententyps mit den entscheidenden diagnostischen und therapeutischen Leistungen in der zeitlichen Abfolge zu beschreiben. Bei der Patientenbetreuung handelt es sich um hochkomplexe Prozesse, für die eine digitale Unterstützung unumgänglich ist. Matchentscheidend ist jedoch, dass Technologie Spass macht, gut ins Leben integrierbar ist und eine echte Zeitersparnis mit sich bringt. Gerade AMTS schreit nach Technologie, um unumgängliche Sicherheitskontrollen einzubauen. Für Aussenstehende ist es nicht nachvollziehbar, warum das nicht schon längst State of the Art ist, wo sie doch bei der anderen Hochrisiko-Branche, der Fliegerei, nicht mehr wegzudenken wäre.

Was hat AMTS mit Managed Care zu tun?

Managed Care ist per se eine Toolbox bestehend aus unterschiedlichen Mosaiksteinen, Instrumenten und Organisationsformen, die Versorgung optimieren sollen. AMTS ist ein solcher Mosaikstein und ist bei Managed Care
ideal aloziiert: Managed Care steuert Prozesse und es wird vorgängig überlegt, was Sinn macht und wie sichergestellt werden kann, dass die Player sich daran halten – AMTS ist nichts Anderes.

Wie beurteilen Sie die Wichtigkeit von Patient Empowerment?

Das ist fast eine philosophische Frage, denn sie hat viel mit einer grundsätzlichen Zieldefinition des Gesundheitswesens zu tun: Ein Gesundheitssystem sollte nicht zum Ziel haben, möglichst die Lebensjahre einer Bevölkerung zu maximieren, sondern möglichst viele glückliche, zufriedene Menschen zu haben, die genau so leben, wie sie leben wollen. Das heisst, Bürgerinnen und Bürger müssen dazu befähigt werden, ihre Präferenzen stärker auszuleben. Würde man verstärkt darauf hören, was Menschen wollen, wäre dies zielführend. Mangelndes Patient Empowerment führt mitunter zu hohen Kosten, da beispielsweise die Medikamenteneinnahme mangels wirklichem Verstehen der Relevanz zu wenig konsequent stattfindet. Wir müssen dringend Zugang zu allen relevanten und verständlichen Informationen schaffen, als Grundlage für die gemeinsame Entscheidungsfindung und so das Selbstmanagement der Erkrankung zu fördern. Unterstützend können dabei auch digitale Endgeräte wirken, die durch den Patienten verbessert werden, um so die Adhärenz zu verbessern.

Abgeschlossen haben wir das Interview mit der Frage nach der Verteilung des «Energiekuchens» auf die einzelnen Managed Care-Stossrichtungen. Dabei hat Prof. Dr. Amelung folgende Stossrichtungen genannt und wie folgt gewichtet:

Dieser Beitrag stammt aus dem BluePrint #5 - Juli 2018

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